Biste auch anders? Gut! UN-Konvention über Rechte von Menschen mit Behinderung (und allen, die meinen, dass sie keine hätten!)

Im Laufe der letzten Monate landeten täglich Besucher hier im Blog, die nach Infos über Asperger und Autismus im Zusammenhang mit der Verschulung solcher Kinder gesucht hatten. Förderschulen waren die Regel, aber es gibt schon seit einer Weile Anzeichen, dass es einen neuen Wind im Deutschen Schulwesen geben wird, gibt. Tja, ich würde fast sagen, kollektive Lektionen an der Tafel des Lebens. Alle mal hergehört:

Die UN hat schon vor einigen Jahren dazu aufgerufen, Menschen mit Behinderung VOLLSTÄNDIG in die Gesellschaft zu integrieren und sie nicht auf Förder-, Mitleids-, oder Randplätze zu verweisen. Die EU und auch Deutschland müssen der UNO-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung folgen, die längst auch von Deutschland ratifiziert wurde (seit 31.12.2008 in Deutschland in Kraft). Tja, wer sich nicht selbst lang macht, dem besorgt es eben die UNO. Und hoffentlich viele viele Eltern behinderter Kinder.

Auch wenn es derzeit vielerorts noch ein Kraftakt zu sein scheint, seinem autistischen oder anders besonders herausgeforderten Kind einen Platz in einer „normalen“ Schule zu erkämpfen, statt es in eine Förderschule zu schicken (wie das bisher in Deutschland angeboten wird): ich glaube, dass die Welt ein besserer Ort wird, wenn alle Kinder gemeinsam in die Schule gehen. Das muss doch hinkommen und die betreffende UN-Konvention läßt Deutschland nur noch wenig Spielraum, europaweit eine Sonderstellung in Sachen Ausgrenzung von Menschen mit Behinderung – egal welcher Art- zu spielen.

 

 

 

Kürzlich erfuhr ich, dass es auf globaler Ebene die Auflage auch für Deutschland gibt, Schluss mit der Trennung von Kindern ohne und Kindern mit Behinderung zu machen. Auch Kinder mit Autismus oder Asperger Syndrom sollen ganz natürlich in Klassen eingebunden werden und in Wikipedia heißt es hinsichtlich der betreffenden UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung (die von der EU und Deutschland längst ratifiziert und damit jetzt umzusetzen ist!)

„..Die Betroffenen haben nicht die Aufgabe, ihre Bedürfnisse an (angebliche) gesellschaftliche Notwendigkeiten anzupassen, sondern die Gesellschaft hat die Aufgabe, sich auf die Bedürfnisse der Betroffenen einzustellen. ..“

Ja, das ist doch mal ne Ansage! Da bin ich dabei.

Das Menschenrecht auf Inklusion – Einbeziehung – durchsetzen

Es geht hier nicht mehr um eine „Länder“ oder „Kommunen“-Sache, sondern um Menschenrechte. Das Deutsche Institut für Menschrechte ist hier in der Pflicht, die Umsetzung der UN-Konvention in Deutschland zu überwachen.

Hier geht es zu einem Erfahrungsbericht aus dem letzten Jahr. Die Eltern hatten unter anderem auch die Presse eingeschaltet, um einen Regelschulplatz für ihren autistischen Sohn durchzusetzen, den er auch bekommen hat.

Es gibt im Schulministerium NRW auch eine Arbeitsgruppe (vielleicht gibt es sowas auch in anderen Bundesländern), die mit daran arbeitet, Artikel 24 der UN Konvention (Bildung) über die Rechte von Menschen mit Behinderung in Deutschland umzusetzen. Die Umsetzung scheint noch schwierig zu sein. Wahrscheinlich macht es Sinn, wenn hier alle -Politik, Schulen, Eltern- an einem Strang ziehen. Bei hunderttausenden Förderschülern müssen alle Kräfte zusammenarbeiten, damit irgendwann Inklusion kein holer Begriff mehr ist, sondern alltäglich gelebte (Schul)realität wird.

Wenn ich mir überlege, wie viele Menschen arbeitslos sind und höre, dass immer mehr „Schulbegleiter“ und „Integrationshelfer“ gesucht werden, die Kinder mit Behinderung in die Schule begleiten, dann kann ich mir schon vorstellen, dass sich unsere Gesellschaft positiv verändern wird, durch die UN-Konvention.

In einem Zwischenbericht des Schulministeriums NRW zur Inklusion von Menschen mit Behinderung vom März 2011 heißt es, dass allein in NRW 14% aller Menschen nach UN-Verständnis eine Behinderung haben. Da reden wir tatsächlich nicht mehr von einer Randgruppe, die man in Förderschulen oder Behinderten-Ausbildungen stecken kann, um sie auf Lebzeit in dieser Schublade zu lassen, meine ich.

In dem Bericht heißt es:

„..Auch wenn die Adressaten der UN-Behindertenrechtskonvention die Vertragsstaaten sind, ist die Verwirklichung des inklusiven Gemeinwesens eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Volle und wirksame Teilhabe behinderter Menschen in unserer Gesellschaft
ist nur möglich, wenn wir auch die Menschen ohne Behinderungen davon überzeugen, dass Weichenstellungen in Bildung, Gesundheit, Arbeit und Beschäftigung, Wohnen, Freizeit, Kultur, Sport usw. notwendig sind. Dies ist eine große Herausforderung für die Bewusstseinsbildung in unserem Land. ..“

Da gibt’s also noch eine Menge zu tun und ich meine, dass Ziel, Menschen mit speziellen Herausforderungen oder Gaben entgegenzukommen, läßt sich insgesamt besser erreichen, wenn man an einem Strang zieht und nicht z.B. als Eltern eines Aspergers ausschließlich auf Konfrontation geht und sich beklagt, dass es noch nicht erreicht ist.

Jeder Mensch -jeder- hat spezielle Herausforderungen. Manche Menschen haben „Behinderungen“, die nicht sichtbar sind oder die nicht einmal als solche anerkannt sind (weil: besondere Dispositionen werden nicht mal „ebenso“ als Behinderung anerkannt und so müssen viele Menschen damit Leben, dass sie NICHT MAL als besonders herausgefordert anerkannt werden). Ich finde, dass man das im Hinterkopf behalten sollte, wenn man sich vom System ungerecht behandelt fühlt, oder meint, die Hürden hin zu einem Regelschulplatz seien zu hoch.

Step by Step, jeder Einzelne hat hier ein Stück zu beizutragen in seinem Leben. Die UN-Konvention ist der Anfang gewesen, die Ratifizierung der Länder der erste Schritt. Nun geht es an die Umsetzung von Inklusion und das bedeutet möglicherweise auch, dass die eine oder andere Familie ihre Menschenrechte einklagen muss. Die Forderung nach einem Regelschulplatz für ein Kind mit Behinderung hat von der UN jedenfalls jede Menge Schwung bekommen.

Initiative zeigen, statt auf den Staat alleine hoffen

Im Zwischenbericht des Schulministeriums NRW heißt es auf S. 13 unter Punkt II.: „…

Am 26. März 2009, 30 Tage nach Hinterlegung der Ratifizierungsurkunde bei den Vereinten Nationen, ist die UN-Behindertenrechtskonvention als deutsches Recht in Kraft getreten. Die Bundesrepublik Deutschland hat die UN-Behindertenrechtskonvention – trotz der grundsätzlichen Möglichkeit, Vorbehalte geltend zu machen – ohne Einschränkungen unterzeichnet. Damit hat die UN-Behindertenrechtskonvention, d. h. das Übereinkommen
und das Fakultativprotokoll, ohne Einschränkung Wirkung erlangt. Sie hat in Deutschland den Rang eines einfachen Bundesgesetzes. …“

Dies bedeutet noch nicht, das good old Germany jetzt neue Gesetze schreibt, damit Kinder mit Behinderung einen Regelschulplatz bekommen. Im Zwischenbericht aus NRW finde ich sogar ein paar Passagen, die sich nach „Hintertürchen“ anhören, durch die die Landesregierung versucht, die UN-Konvention zu „relativieren“ was die Gesetzeslage betrifft.

Dennoch: Es gibt hier keine Opfer oder Täter, sondern meines Erachtens nur Menschen, die gemeinsam versuchen müssen, alle unter einen Hut zu bekommen:-). Der Hut heißt Welt und er ist ziemlich groß. So groß wie das Potential aller Menschen zusammengenommen. Das ist doch ein sehr großes Potential.

Ich kann mir gut vorstellen, dass man als Eltern den harten Weg auf sich nehmen muss, in einer Initiative nach Möglichkeiten zu suchen, WIE man an Regelschulen Plätze einrichten kann, die allen Gegebenheiten gerecht werden. Es muss Schulbegleitung geben und es müssen vielfach auch Geldmittel erschlossen werden. Hier wird jeder Beteiligte und Betroffene alles an Kraft und Kreativität, Kompromissbereitschaft und Einsatz bringen müssen, damit das Ziel erreicht werden kann.

Dem Gesetzgeber zeigen, was Inklusion bedeutet

Wenn unsere Gesetzgeber meinen, sie könnten sich durch Fachsimpeleien vor der Aufgabe drücken, die die UN ihnen stellt, egal ob aus Geldmangel oder aus ideologischen Gründen, dann müssen eben noch mehr Menschen in der Öffentlichkeit dafür sorgen, den lieben Gesetzgebern klarzumachen, WAS gelebte Inklusion ist, ihnen zeigen, wie das geht und dass es nicht ausreicht, einen Menschen zu versorgen und NICHT zu diskriminieren, sondern darum, ihn von vorneherein als willkommenes, einzigartiges Mitglied unserer Gesellschaft zu behandeln.

Sich hierfür einzusetzen ist ein wichtiger Beitrag zur in Artikel 8 der Konvention geforderten Maßnahmen zur Bewusstseinsbildung: vom Gesetzgeber angefangen bishin zu Lehrern, Mitschülern und der Wirtschaft. (Ich weise an dieser Stelle auch auf meinen Artikel über Specialisterne hin, eine Initiative und Firma, die Autisten als Spezialisten in die Arbeitswelt vermittelt!)

Best-Practices worldwide: Austausch suchen statt meckern

Ich empfehle auch einen Blick auf die Seite von Making it Work (leider nicht auf Deutsch, aber: der Google-Translator kann hier sicher erstmal helfen), Diese Initiative stellt auf ihrer Webseite Best-Practices hinsichtlich der Umsetzung der UN-Konvention in verschiedenen Ländern vor. Hier kann man sich inspirieren lassen, sei es nun als Eltern, Lehrer, Unternehmer oder Politiker. Da es sich bei der UNO-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung um eine weltweite Sache handelt, finde ich es gut, das Ganze nicht nur bis zum Deutschen Tellerrand zu betrachten, sondern global.

Für betroffene Eltern in Deutschland macht es sicher Sinn, sich mit Initiativen in Verbindung zu setzen, die sich für die Integration von behinderten Menschen einsetzen, wobei es hier wahrscheinlich durchaus Unterschiede gibt, was Haltung und Herangehensweise an das Thema Inklusion betrifft. Die würde ich persönlich immer gut abklopfen. Ich nehme an, dass zukünftig immer mehr Menschen Regelschulplätze für ihre Kinder eingeklagen werden. Vielleicht tun sie sich ja mit anderen zusammen in einer Sammelklage, die die UN Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung zur Grundlage nimmt, und erreichen am Ende so noch schneller mehr in Deutschland. Schöner finde ich jedoch, wenn sich Eltern aktiv an der Bewusstmachung in Regelschulen beteiligen. Und: der Kriegspfad hat noch nirgendwohin geführt, außer in den Krieg;-). In vielen Foren lese ich nur Lamento und Gejammere. Ich halte das nicht für sinnvoll, außer, man möchte sich gerne als „Opfer“ der Umstände sehen. Wenn dies so ist, dann wird daran aber am Ende auch nicht die Inklusion des eigenen Kindes in eine Regelschule etwas ändern, das bleibt immer zu bedenken…

Positive Beispiele für Inklusion finden statt Beispiele für Ausgrenzung

Es gibt hierzulande durchaus schon Schulen und Kindergärten, mit Integrationsklassen. Ich bin unerfahren, was den Schulalltag für Menschen mit Behinderung betrifft, jedoch scheinen mir die Möglichkeiten, Raum für Inklusion zu schaffen, unendlich, wenn man es denn will. Kreativität in der Umsetzung und auch in der Finanzierung eröffnet sich möglicherweise nur dann, wenn man sich gemeinsam das Ziel gesetzt hat, diesen Raum zu schaffen. Die UN und die Menschnrechte fordern dies ein. Und hier sind alle gefordert: die Eltern ebenso wie die Lehrer und die Schulleitungen. Hier ein Beispiel für die Haltung und Herangehensweise einer Montessori-Schule in Bayern.

Eine Anmerkung am Rande

Ich behaupte mal ganz kackenfrech, dass JEDER Mensch, mit dem ich je zu tun hatte, irgendein Handicap hat, was den Umgang mit der Welt und anderen Menschen betrifft. Ob das nun meine Kindergärtner, Gymnasiallehrer, Chefs, Kollegen, Freunde, Liebhaber oder spirituelle Lehrer sind: jeder hat irgendeine Macke, Du ich und Du und Du und Du auch. Ob das nun Macke-Machthunger, Macke-Vorurteile, Eitelkeit, Egozentrismus, Geiz, Überheblichkeit, das Unvermögen, eigene Schwächen zu erkennen und einzugestehen, aus den Lebenslektionen zu lernen, oder spirituelle Kurzsichtigkeit und beschissenes Karma ist: jeder hat sie, solche typisch menschlichen Macken. Und aufgrund meiner eigenen Macken und meiner eigenen Art kann ich nur „ja“ sagen zu der (Trotzdem…das sind mir die Liebsten!) Aussage Martin Bubers:

„In jedem Menschen ist etwas Kostbares, das in keinem anderen ist.“
.
Love!
.
Pressemitteilung Ministerium für Schule und Weiterbildung NRW 12-2010
ODL: Inclusive Weiterbildung für Lehrer – sehr interessant! Ist schon was älter, aber man kann sich daran ja weiterhangeln:-)
Deutsches Institut für Menschenrechte – Stellungnahme vom März 2011 – Eckpunkte zur Verwirklichung eines inklusiven Bildungssystems

Originaltext (auf Englisch) der UN Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung

pdf Broschüre zur UN-Konvention auf Deutsch

Zwischenbericht Schulministerium NRW (März 2011)

Spiegel-Online (2009) zum Thema

Spiegel Artikel (2009) „Die unverdünnte Hölle“

Autismus Deutschland e.V. – Rechtsratgeber inkl. Links zu den Regionalverbänden von Autismus e.V.

www.kostenlose-urteile.de einfach mal nach „Integrationshelfer“, „Eingliederungshilfe“ etc. suchen…

Artikel „Kinder mit Asperger Syndrom: Tipps für Lehrer und Eltern“

Artikel „Autismus in der Arbeitswelt“

Update 23.4.2012: Deutschland liegt in Sachen Inklusion noch immer im Schlummerschlaf. Tolle Pläne sind gemacht, tolle Pakte geschlossen: aber wenn man eine Aus- oder Weiterbildung zum „Schulbegleiter“ oder „Integrationshelfer“ machen will, holt man sich scheinbar immer noch wunde Finger bei einer Suche danach.

Update 4.9.2012: Update 4.9.2012: Inzwischen gibt es eine „Inklusionslandkarte“ für Deutschland. Auf der Seite sind Inklusionsprojekte zu finden, bzw. kann man sich auf der Landkarte mit eigenen Beispiel-Projekten eintragen lassen.

Hier noch ein paar interessante Links für Interessierte & Betroffene:

http://www.bag-ub.de/impulse/download/impulse48-web.pdf

http://www.einfach-teilhaben.de/DE/StdS/Home/stds_node.html

http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,814458,00.html

http://www.behindertenbeauftragter.de/DE/Koordinierungsstelle/UNKonvention/Umsetzung/NAP/NAP_node.html;jsessionid=DF6FFB9F5DD4A204C8A744280A0B7648.2_cid095

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